Kein Stress in Buenos Aires

 

 Eine familiäre Szene 

 

Nacho steigt von seinem zugestickerten Motorrad und begrüsst mich mit einem festen Handschlag. Lange habe er nicht Zeit, sein Sohn hat bald Schulschluss. Sogleich beginnt Nacho von den Anfängen des Downhill Skaten in Argentinien zu erzählen.

Reiche Touristen brachten in den späten 90ern die ersten Longboards in die Skiorte von Argentinien..Im nördlichen Nachbarland Brasilien, waren um die Jahrtausendwende schon viele Fahrer anzutreffen. Dagegen war eine Szene in Argentinien noch kaum vorhanden. Bis 2002 gab es schon viele Boardercross- und Slalomrennen, die jedoch stark mit der Street- und Poolszene verwachsen waren. Flexible, meist importierte Bretter mit Fiberglas oder Poolskateboards waren damals im Trend. Richtige Longbaords waren selten auf den Strassen anzutreffen. Die ersten Tüftler wie Nacho von 222 Longboards begannen nach eigenen Brettformen zu streben, welche mehr auf ihre Bedürfnisse ausgelegt waren. Mit den härteren und längeren Brettern wollten sie immer schneller werden und so genügten die kurzen Abfahrten von Buenos Aires bald nicht mehr. Zusammen mit Longboardern aus Mar de Plata und Misiones, fuhr 2002 eine Gruppe aus Buenos Aires erstmals nach Brasilien, um an den offiziellen Rennen teilzunehmen. Es sollte aber noch fünf Jahre dauern, bis auch in Argentinien die ersten Wettkämpfe ausgetragen wurden.
Nichts für schwache Nerven.

Während meinem Gespräch mit Nacho gesellt sich ein weiterer Downhill-Skater hinzu. Mit dem Arm in einer Schlinge, aber noch gut zu Fuss, wartet er auf den Befund aus einem Krankenhaus. Die Ärzte befürchteten nach seinem Sturz mit über 100 km/h pro Stunde, dass er sich eine Hirnverletzung zugezogen hat. Der Adrenalinrausch des schnellsten Rennens der Welt – Teutonia – sitzt noch vielen Fahrern tief in den Knochen. Nach einer 90° Kurve auf schlechtem Asphalt, rauschen die Fahrer mit 80 km/h und mehr durch eine leichte Rechtskurve. Bei diesem Tempo ist eine solche Biegung aber alles andere als leicht. Danach geht die Strecke wellenartig geradeaus und man muss nur noch “aufpassen, dass man kein Loch in der Strasse erwischt und keine Wobbles bekommt”. Leichter gesagt als getan, wenn die Geschwindigkeit nach jedem Buckel wider über 100, ja sogar 110 km/h steigt.

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Eine Bunte Szene

Die Spots in Buenos Aires sind dagegen richtig langsam. Ich gehe nach el Gonnet in eine zum Erholungspark umgenutzte Mine, welche jetzt von Bikern, Longboardern und Familien in Beschlag genommen wird. In grossen Gruppen stürtzen wir uns die Strecke runter und freuen uns, wenn wir sogleich von einem Motorradfahrer hochgezogen werden. Frauen und Männer jeden Alters fahren die mit Betonplatten gemachte Strecke runter und erreichen dabei knapp 40 Km/h. Jugendliche üben auf dem Hinterrad ihres – ihres? – Fahrrades zu fahren. Eine speziell dafür angebrachte Metallstange verhindert, dass sie zu weit nach hinten kippen. Wenn die älteren Jungs das Selbe auf den Motorrädern versuchen, knallt es laut aus ihren Auspuffen. Die übertunten Motoren tun mir leid, aber mir wird versichert, dass es nicht ihre eigenen seien. So ist es auch nicht erstaunlich, wie schnell alle Motorradfahrer verschwinden, als ein grosser, zerbeulter Polizeiwagen auftaucht. Schwer bewaffnet und mit grimmigem Blick fahren die Polizisten langsam durch die alte Mine. Dabei erwecken sie nicht den Eindruck, als ob sie gerne aussteigen würden.

Während der Woche . . .
. . . fahren die Longboarder aus Buenos Aires am Libanon, mitten in der Stadt. Die kurze, leicht abfallende Strasse hat sich als eine der einzigen erwiesen, welche ein friedliches Nebeneinander von Autos und Skatern zulässt. Viele junge Fahrer üben technische Slides mit Spins und Flips. Eine solch kurze und langsame Abfahrt macht natürlich Weise kreativ. Die älteren Fahrer machen einige Packrides und geniessen zusammen in der durchmischten und sehr familiären Szene den Feierabend. Wenn die Longboarder richtig fahren wollen, zieht es sie in kleinen Gruppen in den Norden nach Misiones oder in die Anden nach Cordoba. Als ich die langen Passabfahrten mit den schwach geschwungenen Kurven sah, erstaunte es mich nicht mehr, dass es in Argentinien noch viele Buttboarder und Streetluger gibt.

200-300 Longboarder soll es in Argentinien geben, die Wettkämpfe bestreiten.
CNC-Achsen sind bei wohlhabenden Fahrern verbreitet, Bretter mit Fiberglas sieht man dagegen wenige. Auch wenn viele, die ein Longboard besitzen, es als Lifestyle Objekt brauchen, so hat doch die grosse Anzahl von Fahrern und falsches Benehmen zu Unfällen und zu Konflikten mit Anwohner und schliesslich der Polizei geführt. Deshalb haben sich in vielen Städten die Longboarder in Gruppen zusammengeschlossen. Nicht um zusammen rollen zu gehen, nein, sie wollen um ihre Spots kämpfen. Ein paar Mal haben sie verloren, aber einige Male konnte dank ihrem Einsatz auch ein richtiger Longboardtreff entstehen. Grössere Gruppierungen die übers Internet organisiert sind, gibt es nicht. Man geht an die bekannten Orte fahren und organisiert sich als Freunde in kleinen Gruppen. Die meisten halten sich an die ungeschriebene Spotethik und wissen wo man ohne Ärger mehrere Abfahrten machen kann, in der Hoffnung, dass auch in Zukunft ein Nebeneinander mit Anwohnern und Autos existieren wird.

Langsam tauchen die ersten Longboarder am Libanon auf. Nacho verabschiedet sich, er muss noch seinen Sohn abholen gehen. Er packt seine Longboards und steigt auf das Motorrad. Ich bleibe zurück und geniesse die letzten Strahlen der Sommersonne bevor es dunkel wird und die Longboarder ihre Strasse in Beschlag nehmen.

Marc Steinemann

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